Hitzewelle macht Flüssen im Land zu schaffen
Dienstag, 13 Juli 2010 | Autor: Carola Walter
Umweltministerin Tanja Gönner: "Situation noch nicht dramatisch." Im Neckar wird seit dem Wochenende zusätzlich Luft eingewirbelt, um weiterem Absinken des Sauerstoffgehalts gegenzusteuern Kritische Marke von 28 Grad in Sichtweite - Gönner will mit Ökobonus neue Anreize für Investition in gewässerschonende Techniken setzen
Die in den vergangenen Wochen herrschende Sommerhitze macht den Flüssen im Land zunehmend zu schaffen. "Die Lage ist angespannt, aber noch nicht dramatisch. Die Situation könnte sich aber schon in den nächsten Tagen weiter zuspitzen", erklärte Umweltministerin Tanja Gönner heute (13. Juli 2010) in Stuttgart. Bereits am vergangenen Wochenende musste an drei Staustufen der Neckar zusätzlich belüftet werden, um einem weiteren Absinken des Sauerstoffgehalts des Wassers gegenzusteuern, nach dem erstmals in diesem Jahr Werte von weniger als vier Milligramm (Tausendstel Gramm) Sauerstoff pro Liter Wasser gemessen wurden. Bei einem weiteren Absinken des Wertes unter 3,5 Milligramm Sauerstoff wird Alarm ausgelöst, weil im Extremfall ein Fischsterben drohen könnte. In Horkheim, Kochendorf und Guttenbach wird der Durchfluss durch die Turbinen vermindert, so dass mehr Wasser über die Wehre strömt und das Wasser zusätzlichen Sauerstoff aus der Luft aufnimmt.
Mehr Wasser in den Flüssen als im Jahrhundertsommer 2003 Schon werden Erinnerungen an den Jahrhundertsommer 2003 als nach wochenlanger Hitze sogar die Kraftwerke entlang von Rhein und Neckar ihre Leistung drosseln mussten, um die Flüsse durch die Einleitung des erwärmten Kühlwassers nicht noch zusätzlich aufzuheizen. Anders als vor sieben Jahren führen Rhein und Neckar in diesem Jahr allerdings deutlich mehr Wasser. "Der Wasserstand bewegt sich durch die zum Teil üppigen Frühjahrsniederschläge und Gewitter im langjährigen Mittel", so Gönner.
Temperaturanstieg von über 25 Grad bereitet Sorge Etwas Sorge bereite dagegen neben den sinkenden Sauerstoffwerten die Tem-peraturentwicklung, so Gönner. "Mit jedem Hitzetag steigt die Wassertempera-tur." So wurden an einzelnen Messstellen wie Mannheim und Lauffen am Ne-ckar oder Karlsruhe und Iffezheim am Rhein bereits über 25 Grad Celsius er-reicht. "Je wärmer die Flüsse werden, desto weniger Sauerstoff kann das Was-ser aufnehmen", so Umweltministerin Gönner. Bis zu der für Fische und andere Wasserorganismen kritischen Marke von 28 Grad sei es an Neckar und Rhein nicht mehr weit. Bleibe es bei den derzeitigen Hitzetemperaturen könnte die Schwelle schon zum Wochenende erreicht werden. Der Deutsche Wetterdienst habe allerdings eine leichte Abkühlung vorhergesagt. "Wir beobachten die wei-tere Entwicklung deshalb sehr sorgfältig", so Gönner. Über die LUBW - Landes-anstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg würden fortlaufend die Temperatur- und Sauerstoffdaten an rund 30 Messstellen entlang der Fließgewässer im Land ausgewertet. An etwa 300 Pegeln werde außerdem kontinuierlich der Wasserstand kontrolliert. "Über das engmaschige Messnetz können zeitnah etwaige Veränderungen festgestellt werden", so Gönner.
Für Ernstfall vorbereitet
Derzeit nähere sich noch die Temperaturkurve den Extremwerten des Hitzesommers 2003 an, so Gönner. "Das läuft in den vergangenen drei Monaten ziemlich parallel. Man hat allerdings aus dem Jahrhundertsommer 2003 gelernt und gestufte Krisenmanagementpläne entwickelt. Die liegen in der Schublade und können wenn nötig sofort umgesetzt werden." Die Energieversorger müssten ab einer Wassertemperatur von 28 Grad Celsius grundsätzlich ihre Kohle- und Kernkraftwerke vom Netz nehmen.
Um die Stromnetzstabilität zu garantie-ren könnten die Behörden davon jedoch soweit ökologisch vertretbar auch Aus-nahmen zulassen.
Gemeinsam mit dem Wirtschaftsministerium und den Energieversorgern hatte man sich auf ein so genanntes Mindestkraftwerkskonzept verständigt, das einen Zusammenbruch der Stromversorgung vorbeugen soll, aber auch mögliche negative ökologische Auswirkungen begrenzt. "Sollten die Extremtemperaturen weiter anhalten, sind Energieversorger und Behörden vorbereitet. Es findet ein kontinuierlicher Austausch von Informationen und Daten statt. Im Ernstfall kann auf dieser Grundlage schnell eine sachgerechte Abwägung zwischen ökologischen Belangen und sicherer Energieversorgung getrof-fen werden", so Gönner. In den kommenden Jahren könnten nach Einschätzung der Umweltministerin die Krisenpläne noch öfter zum Einsatz kommen. Als Folge des Klimawandels werde nämlich die Zahl der heißen Tage mit Temperaturen von mehr als 30 Grad weiter zunehmen. "Es gibt jährlich starke Schwankungen im Wettergeschehen. In der längerfristigen Tendenz der kommenden Jahr-zehnte werden aber die Hitzeperioden zu nehmen", so Gönner.
Ökobonus geplant
Im Zuge der Novellierung des so genannten Wasserpfennigs will Umweltministerin Gönner deshalb einen Ökobonus einführen und neue Anreize für Investitionen in gewässerschonende Techniken schaffen. Investitionen in ökologische Maßnahmen sollen nach den derzeitigen Planungen mit einer Tarifermäßigung um bis zu 25 Prozent belohnt werden. "Über einen solchen Ökobonus werden insbesondere für das produzierende Gewerbe sowie die Energiewirtschaft zusätzliche Erleichterungen bei der Abgabe geschaffen und gleichzeitig ökologische Impulse gesetzt", so Gönner. Zu Umweltinvestitionen zählten neue Umwelttechnologien wie Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen, die zu einer deutlichen Reduzierung des Wärmeeintrags in die Gewässer führen. Gönner: "Bei einem konventionellen Kraftwerk gelangen bis zu zwei Drittel der eingesetzten Energie als Abwärme mit dem Kühlwasser in das Gewässer. Das wirkt sich nachteilig auf die Gewässerqualität und die Ökologie aus." Über moderne Umwelttechnologien könne vor allem in heißen Sommermonaten wie derzeit einer durch die Entnah-me von Kühlwasser zusätzlichen Aufheizung der Flüsse entgegen gewirkt werden.
Keine Mehrbelastung für Verbraucher
Alternativ könnten Unternehmen in Ökoprojekte wie der Gewässerrenaturierung oder den Bau von Fischtreppen und Laichplätzen investieren. Damit werde gleichzeitig den nach der EU-Wasserrahmenrichtlinie gestiegenen gewässerökologischen Anforderungen Rechnung getragen. Einen Nachlass sollen auch zertifizierte Betriebe des produzierenden Gewerbes erhalten, die durch ein Umweltmanagementsystem einen sparsamen Einsatz des von ihnen verwendeten Grundwassers gewährleisten würden. "Mit dem Ökobonus wird das Umweltengagement von Unternehmen honoriert", so Gönner. Der Landtag berät in seiner heutigen Sitzung in erster Lesung über den von Umweltministerin vorbereiten Entwurf zur Novellierung des Wasserentnahmeentgelts.
Insgesamt belaufen sich die Einnahmen des Landes aus dem seit 1988 erhobenen Wasserpfennig auf jährlich bis zu 85 Millionen Euro. Etwa die Hälfte davon entfällt auf die Energieversorgungsunternehmen. Für die öffentlichen Wasserversorger soll die Abgabe von bisher 5,113 Cent auf 5,1 Cent abgerundet werden. "Es ist damit sichergestellt, dass auf die Verbraucher keine höhere Belastung zukommt", so Gönner.






